Willst du ein Gutes Leben, setz dir nicht zu viele Ziele!

„Bis zum Herbst habe ich endlich den Job, der mich zufrieden macht!“

Taugen solche Vorhaben wirklich, wenn ich ein Gutes Leben haben möchte? Es heißt doch immer: Setz dir Ziele! (Das Netz ist voll von solchen Ratschlägen.)

Na klar: Ziele zu haben hat einen großen Nutzen bei der Gestaltung meines alltäglichen Lebens – allerdings nur, solange ich mir auch über ihre Grenzen im Klaren bin. Ziele sind nicht per se gut. Als Trittsteine zu einem Guten Leben taugen sie wenig, denn ein Gutes Leben ist zu groß für Ziele.

Das hängt mit mehreren Dingen zusammen:

 

Ziele sind stur.

 

Ziele binden mich. Sie legen mich auf etwas fest und lassen mich daran kleben, auch wenn es schon längst nicht mehr zum Guten Leben führt. Ziele zu haben kann nur gut sein, wenn ich mich von ihnen nicht gefangen fühle. Wir nehmen zu oft in Kauf, dass wir um den Preis eines mutmaßlichen Erfolges auf den Pfad beschränkt werden, von dem wir annehmen, dass er zu ihm führt. Ziele erlauben uns keine andere Bewegung als diejenige, die direkt auf den Punkt zuführt. Sinn dagegen ist ein riesiges Terrain, dessen Gestalt erst noch im Gehen erschlossen werden muss. Ein Ziel ist ein „dorthin“, Sinn ist ein „vorerst da entlang“. Ein Ziel ist ein ferner Punkt. Sinn ist eine Richtung.

 

 

Ziele fokussieren mich auf eine mögliche Zukunft.

 

Die Gefahr liegt darin, dass sie mich damit von dem, was heute bereits möglich ist, ablenken. Statt das Unwahrscheinliche in der Zukunft zu suchen, ist es günstiger, das mögliche Gute jetzt zu erzeugen und es sich in etwas noch Besseres entwickeln lassen.

 

 

Ziele, die von außen kommen, können meiner inneren Motivation schaden.

 

Untersuchungen zeigen, dass Belohnungen zum Beispiel (das heißt: Zusammenhänge der Form „Wenn du dieses Ziel erreichst, bekommst du etwas dafür“) die innere Motivation dafür, das Ziel zu erreichen, verringern. Zudem verringern sie offenbar die Qualität des Ergebnisses. „Extrinsische Motivation“ lässt also zum einen meinen Antrieb dazu schrumpfen, die belohnte Handlung zu vollziehen, zum anderen verschlechtert sie auch noch die „Performance“. Dieser Befund spricht dagegen, eine Kombination aus einem Ziel und einer Belohnung zur Motivation einzusetzen.

 

 

Manche Ziele sind von sich aus schlecht

 

zum Beispiel wenn sie unrealistisch sind oder mich von einer sinnerfüllten Lebensführung fern halten. Das Ziel zum Beispiel, bei „Deutschland sucht den Superstar“ zu gewinnen, ist ein typischer Wunschtraum: erfolgreich sein, berühmt sein, geschätzt werden, ein Star sein, Aufmerksamkeit in übergroßer Menge erhalten, und andere Dinge mehr, die in unserer Gesellschaft gerade hoch geschätzt werden. Man kann zu Recht fragen, ob dieser Wunschtraum nicht in sich zusammenfallen würde, sobald der Person, die ihn hat, bewusst wird, dass auf einen ersten Platz bei DSDS in der Regel nicht Berühmtheit und Beliebtheit folgen. Man kann ebenfalls fragen, ob die Person im wirklichen Leben auf die Frage „Worin siehst du ein gelingendes Leben“ nicht ganz andere Dinge nennen würde: Freundschaft, Familie, den Aushilfsjob in der Zoohandlung, … Warum sich also lange mit einem Wunschtraum aufhalten, der mit dem eigentlichen Guten Leben gar nichts zu tun hat?

 

 

Wie viele der Ziele, die ich mir setze, werde ich auch erreichen?

 

„In zehn Jahren bin ich ein angesehener Arzt mit eigener Praxis in einer schönen Stadt.“ – Um solche Vorhaben wirklich realisieren zu können, braucht es viel mehr als nur den festen Vorsatz, dass ich ihn schon erfüllen werde, wenn ich nur hart genug dafür arbeite. Dazu gehören günstige Umstände, wohlmeinende Mitmenschen, das Fehlen störender Ereignisse, und so weiter, nicht zuletzt die Tatsache, dass meine eigenen Vorhaben auch wirklich lange so bleiben, wie sie sind. Und wenn ich mein Ziel tatsächlich erreiche, heißt das noch nicht, dass ich damit dem gelingenden Leben ein sicheres Haus gebaut habe, in das es einzieht und für immer bleibt.

 

 

Gehen lernen statt Wege kennen

 

Sich Ziele zu setzen ist dort gut, wo ich weiß, was ich zu tun habe, um von A nach B zu kommen. Eine Schülerin, die ihr Abitur schaffen möchte, weiß, dass sie bis zu ihren Prüfungen noch Klausuren schreiben muss (sie kennt sogar die genaue Anzahl, wenn sie sich bei den Lehrern informiert). Will sie eine Durchschnittsnote von 2.0 haben, kann sie sich auch herleiten, dass sie in Geschichte mündlich noch um eine halbe Note zulegen und sich in Deutsche keine Schnitzer mehr erlauben darf. Das sind klare Gelingensbedingungen, die sie in Wenn-dann-Sätzen formulieren kann. Ein gelingendes Leben jedoch ist eine komplexe Angelegenheit, seine Gelingensbedingungen unüberschaubar und wandelbar, mithin keine Sache, die schon erledigt wäre, wenn ich ein paar Ziele zusammenzähle.

 

 

Faustregel: Je kurzfristiger und je klarer die Bedingungen, unter denen eine Sache gelingt, desto eher sind konkrete Ziele am Platz. Je langfristiger angelegt und entfernter dasjenige ist, worauf ich hinsteuere, desto besser ist ein offener Weg geeignet, es zu erlangen – einer, der vage genug ist, dass er und die Realität sich gegenseitig aneinander anpassen können. Diese Offenheit bewahrt ihr euch, indem ihr auf die Methode des Gehens achtet statt auf einen fernen Punkt, den ihr euch zu erreichen vorgenommen habt.

 

Wir versuchen immerzu, die Wege schon zu kennen. Dabei müssen wir doch am dringendsten das Gehen lernen. Sollen Ziele mir dabei helfen, sollten sie eingebettet sein in einen größeren Rahmen: eine Praxis des gelingenden Lebens. Wichtig ist, dass diese Praxis erfahrungsoffen und ergebnisoffen ist. Besser als ein festes Ziel ist die Freiheit, einen Weg gehen zu können, der mich Schritt für Schritt der für mich angemessenen Form des gelingenden Lebens näherbringt, der mir also das realisieren hilft, was für mich einen Sinn ergibt.

 

Wenn Seneca also sagt: „Wer seinen Hafen nicht kennt, kann sein Schiff auch nicht steuern“, so stimmt das nur für kurze Reiseetappen. Für die ganze Fahrt taugt seine Regel nicht. Da ist es besser zu sagen: Wer sein Schiff nicht kennt, wird nie ein guter Kapitän.

 

Wie steht ihr zu Zielen?

Welche Lebensziele habt ihr und was bedeuten sie euch?

 

Der Autor

Peter Plöger ist gleichzeitig frei und Berufler.

Seine Arbeit als Berufe-Entdecker, Orientierer und Autor verfolgt er seit Jahren und staunt darüber, dass die Freude daran immer noch wächst.

In seinen Büchern und in seinem Projekt „Why we work“ kümmert er sich darum, dass Menschen ihre Gute Arbeit finden – die, die wirklich die richtige für sie ist.

 

Why we work auf Facebook

Kostenloses Ebook “Raus in die Gute Arbeit! Fünf Wege zu meinem besten Beruf“

Write a comment

Comments: 0