Warum das Optimum nicht das Beste ist

Nur das Beste ist gut. Spoing-Boing, die Waage zittert. Du wiegst heute Morgen 88 Kilo, 7 über Optimum. Dein Optimum ist 81, sagt der Body-Mass-Index. 81 ist das Beste, nur das Beste ist gut. Kann man ja im Spiegel sehen.

Tick-tack, das Wearable zeigt 149. Du hattest heute Nacht 149 Minuten REM-Schlaf, 13 unter Optimum. Dein Optimum ist 162, sagt der Arzt. 162 ist das Beste, nur das Beste ist gut. Kann man ja nachmessen.

Flip-flap, dein Glückstagebuch flattert. Dein Happiness-Index liegt in dieser Woche erst bei 11. Dein Optimum ist 20, sagt das Fortunometer. Oh Gott, du hast zu wenig gelächelt dieser Tage. 20 ist das Beste, nur das Beste ist gut. Kann man ja an meinen Lachfältchen sehen.

 

Wie das Optimum dein Glück verhindert

 

Ist das Beste wirklich gut für mich? Wir sind es heute so sehr gewohnt, immer in Superlativen zu denken, dass wir kaum noch bemerken, wo sie überall stehen. Ein Optimum suchen in allen möglichen Dingen ist bei uns etwas Normales – „normal“ in beiderlei Wortsinn: Die meisten tun es und es wird von der Allgemeinheit erwartet.

 

Wie viele Menschen sind inzwischen mit dem Optimieren beschäftigt? Optimum beim Sport, beim Essen, bei der Suche nach dem Traumjob, nach dem Traumpartner, nach der Traumwohnung. Natürlich wollen wir es schön haben und ein Leben führen, das uns glücklich macht. Aber erreichen wir es, indem wir überall nach dem Optimum streben? Ich glaube, die Antwort ist eindeutig: nein!

 

Wenn wir „Optimum“ sagen, meinen wir eigentlich „Maximum“. „Das Beste“ bedeutet für uns „das Äußerste, was wir erreichen können“: das günstigste Gewicht, den höchsten Genuss und so weiter. Das Äußerste erreichen zu wollen, ist erst einmal ein gutes Vorhaben. Das gibt mir ein klares Ziel und ich darf den Eindruck haben, dass ich etwas für mein Leben Bedeutsames unternehme. Und jetzt kommen zwei „aber“.

 

Eins: Es ist aber nur dort gut, wo wir das Äußerste auch realistischerweise erreichen können. Ein Anspruch, von dem von Vornherein klar ist, dass ich ihn nicht erfüllen kann, erstickt mich und macht mich hilflos. Bin ich in Mathe keine Leuchte, sollte ich nicht auf eine Eins hinarbeiten, sondern besser schauen, dass ich von der Fünf auf eine Vier komme.

 

Zwei: Nur dann, wenn ich in nicht mehr als einigen wenigen Bereichen das Äußerste erreichen muss, kann ich überhaupt ein Gutes Leben haben. Wenn mein Alltag voller Dinge steckt, in denen ich maximal sein muss, habe ich gar keine Chance mehr, je den Ansprüchen gerecht zu werden. Ich kann nicht gleichzeitig die beste Mutter der Welt sein, eine Topmanagerin, sozial engagiert, wunderschön und wahnsinnig begehrt und dann auch noch mit fünfzig eine Haut haben wie meine zehnjährige Tochter. (Das schafft auch Angelina Jolie nicht alles, auch wenn ihr Imageberater uns das glauben machen möchte.)

 

Wir bringen uns also doppelt in Stress, indem wir uns unrealistische Maxima setzen und sie zudem an zu vielen Punkten zum Maßstab machen.

 

Vollends absurd wird es dann, wenn wir uns per Selftracking ein Optimum vorgeben, von dem noch keiner so genau weiß, wozu es eigentlich gut ist. Was weiß ich über mich und mein Gutes Leben, wenn ich meine REM-Phasen kontrolliere?

 

Die Natur sagt: Optimum? Nicht mit mir!

 

In der Natur kommt das Optimum nicht vor. Dort – also auch bei uns – geschieht alles in Wellen. Eine Welle hat immer Hochpunkte, auf die jeweils ein Tiefpunkt folgt, auf den wieder ein Hochpunkt folgt, und so weiter. Den größten Teil der Welle machen die Wege von einem Hoch- zu einem Tiefpunkt bzw. umgekehrt aus. Das Heißt: Wenn die Welle merkt, dass sie auf einem Höhepunkt angekommen ist, macht sie sich auf den Weg nach unten. Sie bleibt nie da oben stehen. Gut so, denn das hält sie in Bewegung. Sie will in Bewegung bleiben, das ist ihr das Wichtigste, nicht irgendwo auf einem Niveau bleiben.

Wer versucht, einen Hochpunkt zu erreichen und auf diesem Niveau zu bleiben, der bricht die Welle. Und die hat etwas dagegen. Deswegen können wir weder dauerhaft fit noch dauerhaft glücklich sein. Auch Spitzensportlerinnen kennen Phasen, in denen sie strunzfit sind, ebenso gut wie Phasen, in denen sie durchhängen – viel eher noch wir Otto-Normal-Typen. Was Spitzensportlerinnen auszeichnet, ist, dass sie im Schnitt ein deutlich höheres Fitnessniveau haben. Ihre Welle schwingt um eine höher gelegene Durchschnittslinie herum. Mehr ist auch bei ihnen nicht drin, aber das reicht auch schon, um Spitzensportlerin zu sein.

Das kannst du dir aneignen, wenn du ein Gutes Leben erreichen willst: Das Leben ist nicht nur dadurch gut, dass du ein Optimum (Maximum) erreichst. Es ist dadurch gut, dass es im Ganzen Sinn macht, dass es im Ganzen ein „Glücksniveau“ hat, mit dem du zufrieden bist (sprich: gut leben kannst). Willst du ein hohes Glücksniveau permanent halten, arbeitest du gegen die Welle an, scheiterst und wirst am Ende nur unglücklich. Das Optimum ist lebensfeindlich. Lässt du das Auf- und Abschwingen zu, lässt du dem Leben seinen Raum. Das Gute Leben ist Schwingen auf einem dir gemäßen, guten Level.

 

Was kannst du tun für ein Gutes Leben ohne Optimum?

 

Für dich ganz persönlich heißt das: Wenn du dein eigenes Gutes Leben suchst, dann kannst du ein paar Dinge beachten, die dich von zu viel Optimums-Denken abhalten. Diese vier sind ein guter Anfang:

 

1)      Suche das, was für dich langfristig passt! Das ist oft nicht das, was dir ein kurzfristiges Hochgefühl verschafft. Schau, dass deine Welle insgesamt auf ein Niveau kommt, mit dem du zufrieden bist, nicht, dass sie möglichst viele hohe Spitzen hat. Versuche nicht, ein emotionaler Spitzensportler zu sein. Finde deine eigene Welle und dein eigenes gutes Niveau.

 

2)      Wenn das „Schicksal“ dir etwas zuträgt, bade darin! Schöpfe es so voll wie möglich aus. Wenn du traurig bist, dann sei richtig traurig. Wenn du fröhlich bist, dann sei auch fröhlich. Nimm dir Zeit dafür. Und dann lass das Gefühl auch wieder los.

 

3)      Kümmere dich nicht um die Extreme! Suche sie nicht bewusst. Wenn sie von sich aus kommen, okay, nimm sie mit (siehe oben). Aber dann lass sie wieder ziehen. Lass es schwingen!

 

4)      Und vor allem: Achte darauf, bei alltäglichen Verrichtungen nicht verkrampft dem Höchstmöglichen hinterher zu jagen. Bleib gelassen:

Essen darf auch einfach mal nur scheißlecker sein – es muss nicht immer das beste Ökosiegel haben, von Fernsehköchen empfohlen sein und dabei auch noch schlank machen.

Wenn du laufen gehst, darfst du auch nur mal ein Stündchen Bewegung haben – es muss nicht der Top-Body am Ende stehen.

Die Arbeit darf auch mal nur ein Job sein, der eben Geld bringt – es muss nicht zwingend die große Berufung sein.

 

Koch’s kleiner! Auf die Dauer wird dich das viel zufriedener machen.

Und nur Zufriedenheit ist gut genug.

Der Autor

Peter Plöger ist gleichzeitig frei und Berufler.

Seine Arbeit als Berufe-Entdecker, Orientierer und Autor verfolgt er seit Jahren und staunt darüber, dass die Freude daran immer noch wächst.

In seinen Büchern und in seinem Projekt „Why we work“ kümmert er sich darum, dass Menschen ihre Gute Arbeit finden – die, die wirklich die richtige für sie ist.

 

Why we work auf Facebook

Kostenloses Ebook “Raus in die Gute Arbeit! Fünf Wege zu meinem besten Beruf“

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