Brauche ich ein wahres Ich?

Heute klappe ich das Dach auf und erlaube euch einen Blick auf meinen Schreibtisch. Da sitze ich gerade an einem neuen Sachbuch, das im Herbst erscheinen wird. Also: Freut euch auf einen Ausschnitt aus „Glücksstress – Von ganz allein zum guten Leben“ – mitten raus aus dem Schreiben noch warm auf euren PC.

 

 

Alles dreht sich. Meine Empfindungen und Antriebe, meine Handlungschancen und Erfolgsaussichten, meine Beziehungen und Haltungen zu anderen sind in einem ständigen Auf-und-ab. Aber meine fundamentale Identität, mein Wesenskern, bleibt doch gleich. Es gibt doch ein „wahres Selbst“. Und es gibt Methoden, mit denen ich es aufspüren kann. Wenn ich authentisch bin, kann ich mein „ganzes Ich verwirklichen“ und endlich glücklich sein. Oder?

 

Mag sein. Aber: Cui bono?

 

Die Annahme, es gäbe irgendeinen inneren Kern oder ein vollständiges Ich, das mein eigenes Dasein ausmachen und bestimmen könnte, bleibt eine Annahme. Der Glaube daran, dass ich es im Verlauf meiner Existenz finden und für den Rest meiner Zeit konservieren und sogar für ein gelingendes Leben nutzen kann, bleibt eine Hoffnung. Wie weit diese Hoffnung erfüllbar ist, ist nicht ausgemacht. Die Glücksindustrie setzt mit ihren Selbstverwirklichungsangeboten darauf, dass sehr viele Menschen bereit sind, dieser Hoffnung zu folgen und ihr durch (zum Teil teuer) bezahlte Teilnahme an diesen Angeboten Ausdruck zu geben. Ein Gutes Leben lässt sich aber auch ohne die Hoffnung auf einen inneren Kern haben – vielleicht sogar eher als mit ihm. Denn:

 

„Die echte Suche nach sich selbst braucht aus Prinzip ein offenes Ende.“

(Rebecca Niazi-Shahabi: „Scheiß auf die anderen“, S. 173)

 

 

Meine Identität verwirkliche ich in erster Linie damit, dass ich praktisch handele in einer Welt, die mich vor bestimmte Herausforderungen stellt. Ich muss essen und ich muss irgendwo schlafen – das heißt: Ich muss Geld verdienen. Ich muss den Anforderungen gerecht werden, die meine Erwerbsarbeit an mich stellt – sei es, dass sie mir durch einen Vorgesetzten übermittelt werden, sei es, dass sie mir ein Markt vorgibt. Ich muss mich um andere Menschen kümmern: um Kinder, einen Partner, alte Eltern, und deren Bedürfnisse im Blick haben. Und so weiter.

 

Die Art und Weise, wie ich angesichts dieser Herausforderungen handele und dementsprechend mich selbst wahrnehme und von anderen wahrgenommen werde, machen meine Identität aus. Identität ist also work in progress und kein Kern, der mir schon von vornherein eingegeben ist und an den ich herankommen kann, indem ich die lästige, ihn verdeckende Schale durchbreche und mich zu ihm vorarbeite. Ich bin ein Mensch und kein Pfirsich.

 

 

Was ich mit der Kern-Metapher zuerst erreiche ist, das „Fruchtfleisch“ als etwas unechtes und eher lästiges zu definieren, das ich loswerden müsste, um ein wahres und authentisches Dasein zu haben. Alles, was mich nicht zum Kern führt, lenkt mich in dieser Vorstellung also vom Guten Leben ab. Das ist so natürlich unhaltbar, weil ich den praktischen existenziellen Herausforderungen nun einmal begegnen muss und zwar jeden Tag und unaufhörlich. Das „Fruchtfleisch“ als zweitrangig abzutun heißt, durch Selbstverwirklichung Selbstverleugnung zu betreiben (so wie die Mutter es tat, die ihre Kinder verließ, um sich „zu sich selbst zu finden“).

 

Zu denken, es gäbe meinen Kern, heißt zweitens zu denken, dass da schon etwas fertig angelegt ist in mir, dass ich nur noch nicht ganz entdeckt habe. Ich trüge das Ende meiner Suche also schon mit mir herum. Die Philosophin Rahel Jaeggi hält das für ein falsches Denken:

 

 

„Zunächst einmal ist die Annahme, dass es mich als ‚Ganzes‘, als ‚Fülle‘, als ein den sozialen Praktiken vorgängiges Ich gibt, schlicht nicht zutreffend. … Es geht nicht darum, sich pausenlos selbst zu verwirklichen, sondern es geht um Erfahrungsoffenheit, Lebendigkeit, gelingende Aneignung [der Resultate meines eigenen Tuns] … Was heute als Selbstverwirklichung begriffen wird, ist eine Zumutung, ein falsches Erwartungsprofil.“

(Rahel Jaeggi, Interview in „Philosophie Magazin“ Nr. 1/2014, S. 64f.)

 

 

Die Erfahrungsoffenheit ist eine Notwendigkeit und kein lästiges Beiwerk, das wir möglichst überwinden müssten.

 

Der Wesenskern ist ein Mittel, kein Ziel.

 

Als Anhaltspunkt, um mit der Herausforderung klarzukommen, was ich tun muss, damit mein Leben gelingt, hat die Frage nach dem Wesenskern unzweifelhaft ihre großen Verdienste. Aber man muss sie als Mittel begreifen, nicht als Ziel. Wenn sie zum Beispiel als Instrument benutzt wird im Rahmen einer Neuorientierung im Beruf, kann sie mir helfen, meine wesentlichen Stärken und Eigenschaften zu klären und mir damit die Neuorientierung erleichtern (Ein Beispiel für eine erfolgreiche Methode ist das „Wesenskernspiel“). Wenn ich weiß, was ich kann und was ich nicht kann, was mich am ehesten auszeichnet und wo ich damit bereits erfolgreich war, kann ich meine nächsten Schritte besser planen und in Angriff nehmen.

 

 

Die Sehnsucht nach einem „wahren Selbst“ hat jedoch ihre Tücken. Die neoliberale Logik nutzt sie bereits aus. Arbeitnehmer sollen sich optimieren, zu ihren innersten Kraftquellen vordringen, sogar den Stress in einen Antrieb umwandeln. Wo es sonst reichte, einfach zur Arbeit zu gehen und sich körperlich zu verausgaben, werden jetzt auch „die Kreativität“ oder „der unbedingte Wille, es zu schaffen“ gefordert. Das alles dient der Steigerung der Leistungsfähigkeit, die von Unternehmen abgeschöpft und in Umsatzsteigerungen umgewandelt wird. Deshalb sollte man mit einem sehr kritischen Auge hinschauen, wenn der Arbeitgeber „die ganze Persönlichkeit“ des Arbeitnehmers fordern will.

 

Insofern ist die persönliche Glückssuche natürlich auch ein gesellschaftliches Problem. Gerade da, wo „Mach dein Ding!“ draufsteht, ist oft nichts als Konformität zu den bestehenden Kräfteverhältnissen zwischen Arbeitskraft Abschöpfenden und Arbeitskraft Hergebenden gefragt. Viele machen mit, verstehen den Aufruf „Mach dein Ding!“ als Tür in die Freiheit und begeben sich umso freiwilliger in den Mainstream der unsouveränen Lebensformen. Sie übersehen, dass wir eine Gesellschaft von individuellen Glückssuchern sind, in der „Glück“ ein so starker Topos ist, dass er uns alle von frühester Kindheit an auf die Lebensform des Machwahns und der Kontrollitis einzuschwören schafft. Es ist für die, die ihn abschöpfen, deshalb leicht, sich diesen „Willen zum Glück“ zu Nutze zu machen, indem sie ihn in eine Bereitschaft kanalisieren, bisher ungenutzte persönliche Ressourcen auch noch auf den Markt zu werfen. Die Suche nach einer Lebensessenz wird zum Lockstoff in der Falle der Selbstausbeutung. Glücksstress wird zu dem Hebel, der soziale Ungleichheiten in unserer Gesellschaft maßgeblich weiter verschärft.

 

 

Wo suchst du nach einem "wahren Ich"?

Inwiefern hast du das Gefühl, dass dir die Vorstellung von einem "wahren Ich" nützt?

 

 

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