Von Schülern lernen – Entspannt zum ersten Schritt

Wisst ihr noch, was ihr werden wolltet, als ihr zehn Jahre alt ward? Nein? Doch? Feuerwehrmann? Schauspielerin? Mit zehn sind es oft die Berufe, an die man später keinen Gedanken mehr verschwendet. Und mit siebzehn? Dasselbe? Wahrscheinlich nicht. In den Jahren bis zur Oberstufe oder zur Lehre ändert sich vieles und der Berufswunsch dreht sich vielleicht komplett um.

„Mit siebzehn hat man noch Träume“, knödelt’s aus dem Schlagerplattenschrank. Mit 35 aber auch. Oder mit 50, 60, 70, … (Komm mir jetzt bitte keiner mit Udo Jürgens und seiner Beschwörung, mit 66 fange das Leben erst richtig an!) Auch nach siebzehn kann sich der Berufswunsch noch einmal komplett umdrehen. Als Schüler habe ich das noch nicht gewusst, jetzt ist es mir klar und ich sehe es als meinen persönlichen Normalfall: Mein Beruf ändert sich mit den Jahren, meine Vorstellungen von einem Beruf, der zu mir passt, auch. (Und dass beides immer zusammengeht, ist mein größter Berufswunsch.)

Tischlern plus Skandinavien

Ein paar Mal im Monat nehme ich als Trainer teil an Berufsorientierungs-Workshops für Oberstufenschüler und -schülerinnen. Letzte Woche hatte ich wieder zwei Workshops. Ich staune manchmal, wie weit die Schülerinnen und Schüler schon in ihrer Vorstellung sind. Einige haben ihre Karriere schon durchgeplant bis nach dem Studium, können sogar schon sagen, in welcher Firma sie dann arbeiten werden. Whoof! Andere bemühen sich nicht um konkrete Vorhersagen, sondern gehen ganz in den Interessen auf, die sie heute haben. Letzte Woche erzählte mir ein Sechzehnjähriger, er würde gerne Skandinavistik studieren, weil ihn Skandinavien so fasziniert. Und Tischlern fände er richtig gut. Tischlereilehre plus Skandinavistik-Studium? Das wäre mal eine spannende Kombination! Klar auch, dass es dafür im Moment keine Stellenausschreibungen gibt.

Entspannt starten

Am meisten bin ich aber von den Schülern beeindruckt, die jetzt schon sagen: „Ich lerne erstmal ein Fach, dass mich interessiert und schaue, was ich später daraus machen kann. Schritt für Schritt. Mir ist klar, dass ein Studium oder eine Lehre immer nur der erste Schritt ist.“ Sie haben so recht: Danach kommen noch viele, die ganz anders aussehen können als der erste.

Wie entspannt sind diese Schüler, die sich selbst erlauben, nicht schon eine ganze Laufbahn im Vorhinein durchkonstruieren zu müssen! Die nicht wissen müssen, was sie in zehn Jahren arbeiten werden. Die stattdessen wissen, dass sie jetzt den ersten Schritt machen, sich bis zum nächsten einiges geändert haben kann und es nicht tragisch ist, wenn sich etwas ändert.

Im Grunde ist jeder Jobwechsel wie die Zeit vor der ersten Berufsausbildung: Ich muss wieder einen ersten Schritt machen. Und ich muss wieder nicht wissen, was genau in all den Jahren nach diesem Schritt passieren wird. Ich muss ihn machen, den Schritt. Das ist das wichtigste. Was daraus folgt in den nächsten drei, fünf, zehn Jahren, kann ich nur zu einem kleinen Teil vorherbestimmen.

Mach ihn, den ersten Schritt!

Also, lieber Schüler, du hast recht: Mach den ersten Schritt – nicht: Plane dein ganzes Leben! Jobwechsler, mach den ersten Schritt – nicht: Plane den Rest deines Lebens!

Und vor allem: Keine Angst davor, dass du eventuell etwas übersehen hast, das du vor dem ersten Schritt noch hättest mitbedenken müssen! Eine Garantie hast du: Du hast mit Sicherheit etwas übersehen. Du kannst gar nicht alles bedenken. Eine zweite Garantie hast du auch: Wenn du deine Zeit mit dem Versuch verbringst, alles zu bedenken, machst du den ersten Schritt nie.

Ich lerne jedes Mal wieder von den wenigen Schülern, die keine Angst vor dem Nichtwissen haben aber die Gewissheit, dass der erste Schritt fürs Erste genügen wird. Hoffentlich behalten sie diese Fähigkeit, bis sie 35 sind oder 50 oder 66. Ihr Jobwechsel kommt auch irgendwann. Aber jetzt kommt erstmal der erste Schritt.

Welches ist dein nächster erster Schritt?


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