Vom Schweiger zur Rampensau – Wie ich mich um 180 Grad gedreht habe

Himmel, was war ich aufgeregt! Damals im Kindergarten, als ich das Krippenspiel mitmachen sollte. Ausgerechnet Joseph! Ich war mit ziemlicher Sicherheit das schüchternste Kind in der Kindergartengruppe (Waren wir die Pinguine? Schildkröten? Ich weiß es nicht mehr.) Gefühlt war ich das schüchternste Kind des Universums. Und dann Joseph! Die zweite Hauptrolle.

Wieso ich? Wieso hier?

Ich bin einfach neben Maria hergewatschelt (die war viel aufgeweckter) und habe keinen Ton herausgebracht. Machte nichts: Maria hat den Sprechpart übernommen. Außerdem waren noch genug Esel, Ochsen, Schafe, Jesuskinder und Könige da, die auch alle von meinem stoischen Schweigen abgelenkt haben. Selten war ich so froh, als es zu Ende war und endlich zu meiner indigniert dreinschauenden Mutter gehen konnte. „Du hast ja keinen Ton herausgebracht.“ Stimmt. Mehr war einfach nicht drin.

Heute würde ich nicht mehr zu meiner Mutter laufen. Heute bin ich eine Rampensau. Soll heißen: Es gibt für mich kaum etwas Aufregenderes als vor Menschen reden zu können. Aufregung damals, Aufregung heute – allerdings hat sie einmal komplett ihre Gestalt geändert. Jetzt freue ich mich auf jede Gelegenheit, das, was ich denke, unter die Leute zu bringen. Die Aufregung hat sich gewandelt in Vorfreude.

Eine 180-Grad-Drehung. Was hat sich geändert?

Klar hab ich immer noch Lampenfieber, wenn viele Leute im Saal sind. „Viele“ kann schon heißen: mehr als zwei. Anders gesagt: Wenn man nicht mehr den Eindruck haben kann, ein intimes Gespräch unter Vertrauten zu führen, sind „viele“ da. Aber das ist eben auch der Kick. Es fühlt sich dann immer ein bisschen wie Bühne an. Dann hab ich keine Wahl. Ich muss mich ausstellen. Ich muss das Spiel machen. Allein. Wenn ich es nicht am Laufen halte und zum Leben bringe, dann macht es keiner, denn außer mir ist niemand da auf der „Bühne“.

Noch als jungen Erwachsenen hätte mich das vollkommen überlastet. Jetzt ist es eine Gewohnheit geworden und ich habe angefangen, in der Situation herumzuschwimmen wie ein Fisch im warmen Wasser. Offenbar braucht es also eins auf jeden Fall für die Wendung vom großen Schweiger zur Rampensau: Gewöhnung. Man könnte auch sagen „Übung“. Die Erfahrung macht’s, am besten natürlich die Erfahrung, dass es ja schon x-mal gutgegangen ist oder sogar von Mal zu Mal besser läuft.

Was ich noch brauchte für die Wende

Aber da war noch etwas anderes, das sich erst im Laufe der Zeit eingestellt hat. Es ist etwas hinzugekommen, das ich vorher nicht kannte, und das mich heute sogar aktiv Gelegenheiten suchen lässt, bei denen vor Menschen reden kann. Es ist der Spaß an der Sprache. Ich formuliere gerne. Ich rede gerne. Für das Schreiben gilt dasselbe, weiß gar nicht, was von beidem ich am liebsten tue. Jedenfalls macht es mir Vergnügen, mit Wörtern und Sätzen umzugehen.

Dieses eine Vergnügen hängt mit einem anderen zusammen, nämlich dem Spaß daran, Gedanken und Ideen, die ich habe, so in Worte zu fassen, dass ich sie möglichst Vielen vermitteln kann. Mir geht andauernd zu allen möglichen Themen etwas im Kopf herum – am meisten natürlich zu den Themen „Gute Arbeit“ oder „Karriere“ und „Glück“. Das so zu formulieren, dass Andere auch etwas davon haben, macht mir großen Spaß. Nein, es ist mehr als Spaß, es ist eine tiefere Zufriedenheit. Sie kommt vor allem dann, wenn ich sehe, dass Menschen mich verstanden haben und der eine oder andere vielleicht sogar einen wichtigen Impuls mit nach Hause nehmen konnte.

Weil dies alles zusammenkommt, zieht es mich geradezu zu Menschen, vor denen ich sprechen kann. Wenn ich an einem Saal mit Leuten vorbeikomme, möchte ich am liebsten sofort rein und losreden.

Deine 180-Grad-Wende im Beruf

Im Beruf ist es ganz ähnlich. Was immer du vorher einmal warst – schüchtern, langsam, unaufmerksam, lustlos, ungeschickt, was auch immer – es kann sich im Laufe der Zeit komplett verändern. Und immer hat das mit deiner Erfahrung zu tun. Selbst wenn du meinst, in einer Sache bist du vollkommen unfähig, kann es sein, dass ein paar Schlüsselerfahrungen dich davon überzeugen, dass es doch nicht so ist.

Es hat auch mit dem Spaß an einer Sache zu tun, mit der Freude an einer bestimmten Tätigkeit, einer tiefen Zufriedenheit – Freude und Zufriedenheit, von der du vielleicht noch gar nicht wusstest, dass du sie ausgerechnet bei dieser Tätigkeit haben würdest.

Selbstverständlich wird dir das nicht mit allem passieren, was du tust. Aber es lohnt sich, den Erfahrungen eine Tür offen zu lassen. Ich habe meinen Spaß am Sprechen erst spät entdeckt. Das hätte ich nicht gekonnt, hätte ich nicht ein paar Gelegenheiten gesucht, in denen ich ihn habe entdecken können: eine studentische AG leiten, einen Theaterworkshop mitmachen, oder nur vor ein paar Freunden eine Mini-Lesung mit selbstgeschriebenen Texten machen.

Die Rampensau hat schon in mir gewartet. Als die Chance kam, hat sie sie gleich gewittert und ist rausgaloppiert. Ein paar Mal. Dann wusste ich, dass es sie gibt.

Also: Lass die Sau mal raus!


Der Autor

Peter Plöger ist gleichzeitig frei und Berufler.

Seine Arbeit als Berufe-Entdecker, Orientierer und Autor verfolgt er seit Jahren und staunt darüber, dass die Freude daran immer noch wächst.

In seinen Büchern und in seinem Projekt „Why we work“ kümmert er sich darum, dass Menschen ihre Gute Arbeit finden – die, die wirklich die richtige für sie ist.

 

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Kostenloses Ebook “Raus in die Gute Arbeit! Fünf Wege zu meinem besten Beruf“

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