Warum Karriere machen … Wenn du genauso gut ein Gutes Leben haben kannst?

Ich habe keine Karriere gemacht.

Vielleicht sollte ich sagen: Es tut mir leid. Aber warum eigentlich? Es gibt nichts zu entschuldigen. Es war schon früh klar, dass ich gar keine Karriere machen wollte im Sinne von: glänzender Studienabschluss, gutes Einstiegsgehalt, schnell aufsteigen, noch mehr Gehalt, Führungsverantwortung, Chef werden, noch viel mehr Gehalt, und so weiter. Ich habe mich nie in den Farben dieses Abziehbildes eines klassischen „Erfolgsmenschen“ gesehen.


Und siehe da: Die Entwicklung der Arbeitswelt hat mich eingeholt. Inzwischen muss man fragen: Gibt es die überhaupt noch, die klassischen „Erfolgsmenschen“? Sicherlich. Aber spätestens mit der berühmten „Generation Y“ (und wie ich glaube schon davor) verändern sich die Kriterien für eine erfüllende Berufslaufbahn. Die klassischen Karrierekriterien treten mehr und mehr in den Hintergrund.


Ich persönlich habe es gerne, in der Arbeit mit mehreren Dingen parallel beschäftigt zu sein. Ich mag es sehr, von Thema zu Thema zu springen. Auch die Tätigkeiten wechseln bei mir: Mal schreibe ich, dann sitze ich mit einem Klienten zusammen in einem Coaching und wir sprechen miteinander. Dann stehe ich wieder vor einer ganzen Gruppe in einem Training und es ist eher wie auf einer Bühne zu sein.

Meine Erwartungen an meine Arbeit sind vielfältig. Sie sollte inhaltlich meinen Interessen entsprechen. Sie sollte immer wieder neue Herausforderungen bieten, sodass ich neue Fertigkeiten lernen kann. Sie sollte mir den Eindruck vermitteln, dass meine Möglichkeiten, Neues zu erleben, unbeschränkt sind. Sie sollte mich intellektuell beanspruchen und meine menschlichen Qualitäten fordern. All das tut meine Arbeit bis heute tatsächlich, sogar noch in wachsendem Maße. Vermutlich auch weil ich heute noch aufmerksamer als früher darauf achte, dass sie es tut.

Das sind keine Erwartungen, die sich leicht mit einer klassischen Karriere unter einen Hut bringen lassen. Das Wort taugt also nicht, um meine Berufslaufbahn zu beschreiben. Das tut es bei vielen anderen Leuten, die ich kennenlernen konnte, allerdings auch nicht. Ich benutze es deshalb auch nicht gerne.


Auch als mein Kollege Hans-Jürgen Balz und ich nach einem Titel für unser Buch gesucht habe, war uns „Karriere“ eigentlich zu eng, weil es der Zeit nicht mehr entspricht. Wir wollten ursprünglich von „Laufbahncoaching“ sprechen. Der Begriff schließt mehr ein, zum Beispiel auch die Leute, die nicht ganz klassisch in einem Unternehmen die Leiter hochfallen wollen, sondern ihre Arbeit nach anderen Kriterien beurteilen. (Am Ende hat sich der Verlag allerdings doch entschieden, es „Karrierecoaching“ zu nennen. Der Begriff ist besser bekannt, meinte der Lektor, und das Buch ließe sich so besser verkaufen.)


Meiner Erfahrung nach wollen Menschen heute mehr und mehr hin zu einem „guten Leben“. Zu einem guten Leben gehört für viele, in ihrer Arbeit frei zu sein von den üblichen Vorstellungen von Karriere, die sie als einengend empfinden. Als ich für mein Buch „Einfach ein gutes Leben“ Interviews gemacht habe, konnte ich oft Sätze hören wie: „Natürlich brauche ich auch Geld, aber das zu tun, was mir wichtig ist, das ist doch das Entscheidende für mich“.

(Oh, schon das zweite eigene Buch, das ich hier erwähne. Prahlerei? Nein. Autor sein ist schlicht einer meiner Berufe. Inzwischen arbeite ich an meinem fünften Buch – keine Karriere, aber schon ein Erfolg, auf den ich ein bisschen stolz bin.)

Ein gutes Leben – so sieht es aus – liegt in Dingen, die für mich Bedeutung haben, die meinen Haltungen entsprechen und die eine innere Verbindung zu mir haben – weniger in den Dingen, die mich nur am Leben halten, Geld zum Beispiel.

Ein gutes Leben ist so wichtig, dass ich es hier nicht klein schreiben möchte, sondern groß: Gutes Leben. Wenn du ein Gutes Leben haben willst, kannst du nicht nur an „Karriere“ denken. Dann lohnt sich auch kein „Karriereplan“. Du musst herausfinden, worin genau ein gutes Leben für dich liegt. Das kann alles Mögliche sein:

Zeit haben für deine Kinder

eigene Ideen in die Wirklichkeit bringen

viele andere Menschen in ihren Gefühlen und Beweggründen kennen lernen

Natur erleben

helfen können

besonders vertrackte Aufgaben lösen, vor denen andere aufgeben

Gemütsruhe

und tausend andere Dinge. Du findest sie selten durch nachdenken oder planen heraus. Nur durch leben und erfahren.


Für deinen Beruf heißt das: Wenn du eine Gute Arbeit haben willst, solltest du auf dein Gutes Leben achten. Was ist ein Gutes Leben für dich? In welchen Situationen und an welchen Orten hast du es schon realisiert? Was tust du als nächstes, um ihm noch näher zu kommen? Danach richtet sich auch, was für dich eine Gute Arbeit ist.

„Karriere machen“ heißt immer auch, sich so weit in Strukturen hinein zu begeben, dass du beim Guten Leben Abstriche machen musst. Willst du das, oder ist der Preis zu groß?

Denk deine Berufslaufbahn vom Guten Leben aus und handele danach.

Dann kommst du sicher nur selten in die Verlegenheit, dass dir dein Beruf schwere Nachteile bringt und dich von deinem Guten Leben nur weiter weg führt.


Ich bin nie ein „Erfolgsmensch“ gewesen. Aber – ohne dass ich es am Anfang vorhersehen konnte – eine Gute Arbeit habe ich. Und ich bin meinem Guten Leben immer näher gekommen, so nah, dass es mir manchmal wie ein riesiges Glück vorkommt. Dafür bin ich dankbarer als ich es für eine Karriere je hätte sein können.

Ist dir Karriere wichtig?

Lässt sich für dich Karriere mit einem Guten Leben vereinbaren?

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Comments: 4
  • #1

    Katharina (Tuesday, 17 November 2015 08:26)

    Ich unterschreibe das vollkommen - bis auf eins: warum meinst Du, dass Du kein Erfolgsmensch bist? So, wie Du es beschreibst, bist Du einer, denn Du hast das erreicht, was Dein Ziel war: ein gutes Leben. Sein Ziel erreichen und gleichzeitig zu sagen, dass man kein Erfolgsmensch ist, macht unnötig klein und stärkt nur dieses Abziehbild von Erfolg, das mich so nervt. Erfolg ist subjektiv, nicht pauschal für alle Menschen gültig. Ich schreibe gerade an einem Blogartikel dazu, also was ist Erfolg besonders im Kontext des Bloggens, daher bin ich momentan voll in diesen Gedanken drinnen und springe da schnell drauf an ;-)
    LG
    Katharina

  • #2

    Peter Plöger (Tuesday, 17 November 2015 15:15)

    Liebe Katharina,
    als "Erfolgsmensch" würde ich mich nicht bezeichnen, weil sich mit dem Begriff für mich ein Klischeebild verbindet. Es ist zum Teil ein nicht sehr freundliches Bild, das Karrieristen meint oder Menschen, denen materieller Erfog über alles geht. Da sehe ich mich nicht.
    Aber natürlich würde ich auch sagen, dass ich Erfolg habe. Mit meiner Arbeit, die mich sehr erfüllt und mit der ich mich identifizieren kann, bin ich sehr viel weiter als am Anfang meiner Berufsbiographie.
    Deinen Blogartikel zu "Erfolg" würde ich gerne lesen. Wann wird er denn erscheinen?
    Viele Grüße
    Peter

  • #3

    Katharina (Tuesday, 17 November 2015)

    Da hast Du sicherlich Recht, dass das Wort Erfolgsmensch negativ besetzt ist, aber umso mehr ein Grund es nicht den Falschen zu überlassen ;-)
    Schön finde ich das Zitat:
    Erfolg im Leben zu haben bedeutet: Oft und viel zu lachen; die Achtung intelligenter Menschen und die Zuneigung von Kindern zu gewinnen; die Anerkennung aufrichtiger Kritiker zu verdienen und den Verrat falscher Freunde zu ertragen; Schönheit zu bewundern, in anderen das Beste zu finden; die Welt ein wenig besser zu verlassen, ob durch ein gesundes Kind, einen bestellten Garten oder einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft; zu wissen, daß wenigstens das Leben eines Menschen leichter war, weil Du gelebt hast – das bedeutet, nicht umsonst gelebt zu haben.
    Ralph Waldo Emerson

    Solche Erfolgsmenschen wünsche ich mir!

  • #4

    Peter Plöger (Tuesday, 17 November 2015 18:00)

    Liebe Katharina,

    solche Erfolgsmenschen wünsche ich mir allerdings auch!
    Was Emerson schreibt, würde ich als Beschreibungen für ein Gutes Leben bezeichnen. Auch das ist natürlich Erfolg - vielleicht sogar der größte -, ein Gutes Leben zu erreichen, in dem all das vorkommt.
    Viele Grüße

    Peter